Gärten anlegen im Daten-Tsunami
In einem lesenwerten Interview von Alexander Kluge in faz.net geht es darum, wie wir auf den Daten-Tsunami des Internets reagieren können, um nicht unterzugehen.
Der Filmemacher Alexander Kluge beschreibt es für sich so “: … Ja, und der Mechanismus, nach dem ich das Material sortiere, ist auch komplexer geworden. Seitdem es das Internet gibt, kann ich mich viel schneller orientieren als früher. Ich kann besser weglassen, was mich nichts angeht. Ich lösche genauso stark wie ich sammle. Das war beim Zettelkasten anders. Beim Zettelkasten haben Sie Energie darauf verwendet, etwas aufzuheben, sie haben sich etwas dabei gedacht, es wird Ihnen also viel schwerer, etwas zu verwerfen.”…
Er spricht davon, dass es möglich ist im “Daten-Tsunami Gärten anzulegen.”
Meine eigene Erfahrung geht in die ähnliche Richtung. Es ist für mich ein entspannendes Gefühl, Informationen nicht archivieren zu müssen, weil ich mir sicher bin, diese schnell wieder (im Internet) zu finden. Für mich ist es ein ähnliches Gefühl, wie bei der zweckdienlichen Einrichtung einer Werkstatt. Ich brauche nicht für einen eventuellen, ungewissen Verwendungszweck alte Schrauben und Kleinteile aufzuheben. Das müllt mir die Werkstatt zu. Ich brauche weniger Platz, wenn ich weiß, dass ich jederzeit Zugriff auf die notwendigen Teile habe, wenn ich sie brauche.
Und vielleicht spiegelt der Begriff “surfen” im Internet das spielerisch Leichte, im Vergleich zu staubiger, mühseliger, klassischer Recherchearbeit. Und wie bei allem, kommt es auf das Gleichgewicht an. Wer nur als braungebrannter Sonnyboy oder -girl dem Vergnügen nachgeht, dem fehlt manchmal die Tiefe und Ernsthaftigkeit. Genauso ist es aber einseitig, nur streng und arbeitssam seine Ziele zu verfolgen (dass auch Mühe glücklich machen, kann steckt ja in dem vorher verwendeten Wort “mühselig” von Müheseelig”).
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir die Diskussion über das Internet weniger dogmatisch wertend führen sollten. Erstens wird das Internet für jeden persönlich andere große Chancen bieten und große Risiken beinhalten. Hier wach zu bleiben und zu spüren was gut tut und was nicht, ist lebensnotwendig. Zweitens wird das Internet unsere Gesellschaft weiter verändern – dieser Entwicklungswelle können wir uns nicht entgegenstellen. Aber wir müssen nicht immer angstvoll auf diese Welle starren. Nicht jede große Welle ist ein verheerender Tsunami. Wellenrauschen kann entspannen, surfen Spaß machen und auch eine gewaltige Brandung kann einen ehrfürchtig staunen lassen. Wer auf See ist profitiert von den Fähigkeiten zur Orientierung und Navigation. Wer mit dem Internet zu tun hat auch. Und wir können den Begriff Informationstsunami auch so verstehen. Diejenigen, die nur am Ufer angstvoll auf die gefährliche Welle warten, kommen um. Diejenigen auf hoher See sind recht sicher und die Landratten weit im Innenland auch.
Und wo stehen Sie? Wie steht es um Ihre Fähigkeiten zur Orientierung und Navigation im Internet?



Hallo Sigi,
mit diesem Post lieferst du mir geradezu eine Steilvorlage für meine “zetteligen” Projekte.
Doch zunächst: Den Begriff Tsunami finde ich etwas fehl am Platz. Weder funktioniert das Internet wie eine urplötzliche Welle - wohl drohen die Informationen mich zu “überfluten”, aber sie kommen zumindest nicht ohne Vorwarnung auf mich zu und ich kann ja ausweichen -, noch lösen die darin enthaltenen Informationen Erdbeben aus - das, was so alles im Internat veröffentlicht wird, löst bei mir eher Lachbeben aus …
Zum alten, schönen Zettelkasten. Der hat, meines Erachtens nach, durchaus noch seine Berechtigung. Zwar nicht mehr in hölzerner Ausführung und mit mühsam von Hand notierten Zetteln, sondern in digitalen Varianten.
Tatsache ist, dass der eifrige Internetnutzer immer häufiger bemerkt, dass Informationen aus dem großen Datenmeer verschwinden. Mir ging es in der jüngeren Vergangenheit immer wieder so: Da sind Artikel, ja, sogar ganze Webseiten komplett verschwunden, und mit ihnen die Informationen, die ich für wichtig erachtete. Erst neulich habe ich eine ganze Kiste toter Links entsorgt.
Wenn ich heute etwas Nützliches und Gedankliches entdecke, speichere ich mir das sofort in meinen elektronischen Zettelkasten ab: ein paar Schlagworte dazu, vielleicht noch mit anderen Zetteln querverlinkt, schon habe ich eine Information in meinen ganz persönlichen Wissensarchiv. Und wie Luhmann das schon vorexerzierte: Aus den heute so belächelten Zetteln generiert sich (fast) automatisch ein Buch - auch so eines, das ich aktuell in Arbeit habe.
Beste Grüße
jz
Hallo Joachim,
Steilvorlagen, davon lebt die Kommunikation. Ein Gedanke stößt den anderen an. Hier passt wieder die Metapher der Welle. Manche Wellen regen sich an zu einer größeren (es muss ja nicht ein Tsunami werden)und manche Wellen gehen nicht in Resonanz, sondern breiten sich einfach aus ohne von anderen beeinflusst zu werden. Deine Zettelkasten-Idee, die von Dir gerade zum Online zum http://www.Zettelkurs.de weiterentwickelt wird, finde ich be-merkenswert.Vielleicht ist es eine Idee, dabei eine Art “Freihand Telefongekritzel” mit möglich zu machen. Ich persönlich profitiere davon, nicht nur immer nur ordentlich und schön zu schreiben (was digital ja kein Problem ist, sondern auch davon, dass zwischendurch etwas aus der Norm fällt und dadurch merk-würdig wird. Offline Zettel führen hier ja durchaus ein fast automatisch ein Eigenleben – vom Kaffeefleck bis zum versehendlich im Mülleimer zu landen und dann glattgestrichen wieder zum Leben erweckt zu werden! Die Balance aus Ordnung und Chaos ist letztlich schöpferisch. Da gibt es doch das schöne Einstein Zitat: “Nichts kann existieren ohne Ordnung. Nichts kann entstehen ohne Chaos.”Vieviel Ordnung jeder braucht und mit wieviel Chaos er leben kann ist dabei höchst individuell.