Sigi Bütefisch, Dipl. Grafik-Designer, Trainer und Coach.
Sein täglich Fisch: Marketing und Kommunikation für Verbände, Firmen
und Selbstständige — vom ganzheitlichen Konzept bis zur Umsetzung.
 
 

(Team)konflikte lösen

Diese Woche war für mich geprägt vom Thema Beziehung. Besondere Begegnungen, Bücher und Gespräche gaben den Impuls, Gedanken zu ordnen, neue Zusammenhänge zu sehen und Dinge zu verändern.

Wohin man auch blickt. Es kriselt oder kracht in Geschäftsbeziehungen, Teams und Partnerschaften. Man/frau sucht Lösungen oder hat es aufgegeben oder rauft sich (noch einmal) zusammen. Es geht rauf und runter oder ist öde eingeschlafen…

Muss dieses alte Beziehungsspiel immer so weitergespielt werden oder gibt Möglichkeiten, die Spielregeln neu zu interpretieren und ein neues Spiel zu spielen?

Als Einstieg eine provokative Vereinfachung. Auch in geschäftlichen Beziehungen geht es nur um das Eine. Um Liebe und Angst. Es geht um Schenken und Annehmen, um Nähe und Distanz – um Verletzlichkeit, Enttäuschung, um das Ringen um Sicherheit und Wertschätzung.

Perfekt funktionierende Unternehmen und Teams, ewige Liebe, stetiges Wachstum sind Wunschvorstellungen. Wunschvorstellungen von einer sicheren Welt. Von einer paradiesischen (Um)welt, die uns liebt, die uns weder ausschließt noch wehtut. Und selbst die hart gesottenen Vertreter einer Kampf- und Konkurrenzmentalität wollen häufig doch nur das Eine – Sicherheit und Liebe. Wenn diese bedroht sind, haben wir Angst – wir reagieren dann „natürlich”. Wir stellen uns tot (verweigern die Zusammenarbeit oder das Leben), rennen weg (entziehen uns der Verantwortung) oder beißen um uns („…euch mach ich fertig”).

Gibt es vielleicht noch Möglichkeiten anders zu reagieren? Und wenn ja, was braucht es dazu?

Um mit Angst anders umgehen zu können, müssen wir sie erst einmal kennen lernen. Denn Angst gehört zum Menschsein wie Hunger und Durst und hat wie alles positive und negative Seiten.

Angst macht uns vorsichtiger, fokussierter, schützt uns vor Verletzungen. Angst macht uns aber auch unbeweglich, beschränkt unsere Möglichkeiten. Die Redewendungen „Starr vor Angst”, „gelähmt vor Angst” beschreiben intensive Angstreaktionen. Ebenso aufschlussreich ist die Herkunft des Wortes Angst von „beengen, Enge”.

Ein kleiner Schlenker: Wirtschaft und Gesellschaft fordern immer mehr Flexibilität. Vielleicht ist es sogar eine gesunde Reaktion, wenn Menschen immer mehr Ängste zu haben scheinen, also sich der Beweglichkeit verweigern. Das würde neben anderen Faktoren erklären, warum es in Unternehmen und Teams häufiger kriselt.

Susann Jeffers klassifiziert in ihrem nun fast 20 Jahre alten Klassiker „Feel the Fear and Do it Anyway“ Angst folgendermaßen. (Auch in buddistischen Texten wird ein ähnliches „Angstmodell” beschrieben.)

Ähnlich einer Zwiebel kommt man in drei Stufen dem Kern der Angst näher.

Stufe 1: Angst vor dem Handeln.
Ausgelöst durch: unangenehme Gespräch führen, Rede halten, Entscheidungen treffen, Position beziehen,…

Stufe 2: Angst um sich selbst.
Ausgelöst durch: körperlich oder emotionale Verletzungen, zuwenig Wertschätzung, Selbstzweifel, sich nicht geliebt fühlen,…

Stufe 3: Angst dem Leben nicht gewachsen sein.
Angst in Situationen zu kommen, die nicht bewältigt werden können. Es geht um die Angst vor den anderen Ängsten. Um die Angst, Dinge nicht „im Griff” zu haben, um die Angst Kontrolle zu verlieren.

Ängste der Stufe 1 und 2 sind Themen vieler Trainings- und Coachingsmaßnahmen. Das ist durchaus wirkungsvoll und sinnvoll und doch wird oft die Angst vor der Angst nicht erkannt und gelöst. Denn die „Angst der Stufe 3” hat viel mit persönlichen Lebenswerten, dem Glauben und dem persönlichen Lebensplan zu tun. Das Erkennen und Aushalten von „etwas nicht im Griff zu haben”, fordert heraus. Fordert Antworten, die Firmenphilosophien und Leitbilder nicht bieten können. Vielleicht aus gutem Grund. Denn wer sich auf die Angst vor der Angst einlässt, erkennt oft die Widersprüche zwischen Leben und Arbeitsleben. Wie sehe unser (Berufs)leben aus, wenn wir weniger Angst hätten? Zu was würden wir heute „Nein” und morgen „Ja”, sagen,?

Dazu noch ein Schlenker: Heldengeschichten – von alten Mythen und Märchen bis zu den heutigen Blockbustern – haben als zentrales Thema die Überschreitung einer persönlichen Angstschwelle. Eine Schwelle, die Mut erfordert und alte Sicherheitsnetze kappt. Und doch muss der Kampf „auf Leben und Tod” nicht dummdreist geführt werden. Vorbereitung, Eigenschutz, Hilfe annehmen, List – vieles ist erlaubt, nur keine „Feigheit”. Feuerspeiende Drachen müssen weder mit Zahnstocher besiegt werden noch braucht es dazu immer brachiale Gewalt.

Wie könnten moderne „Helden der Arbeit” auf Angriffe, auf die Bedrohung ihrer Sicherheit reagieren? Was bräuchten Menschen, um Handlungsalternativen zu gewinnen? Welche Reaktionsmöglichkeiten ausser tot stellen, flüchten oder kämpfen sind möglich?

Meiner Erfahrung nach braucht es dazu mehr „Geist”. Mir gefällt in diesem Zusammenhang ein „Modell”, welches vier Aspekte des Menschens berücksichtigt – und nicht wie so häufig zwei oder drei.

Nach diesem Modell brauchen wir nicht nur unseren Verstand (wir lösen Probleme denkend rational), unseren Körper (wir handeln impulsiv aus dem Bauch), unsere Emotion (wir fühlen uns und andere) sondern auch Geist (wir wissen und fühlen einen größeren Zusammenhang der Dinge). Egal ob dieser Geist als Gott, Leben, Energie, Natur, Schöpfung, Einheit der Dinge oder wie auch immer beschrieben wird. Vielleicht zeigen gerade Sätze wie „unser guter Geist im Team”, dass Menschen, die „Geist” leben, die Fähigkeit haben, anderen Menschen „Angst” zu nehmen. „Geist” zeigt sich in einem Grundvertrauen in das Leben, und nicht dadurch, unerschütterlichen „(natürlich den richtigen!) Glauben” zu demonstrieren. Ein „guter Geist” verneint nicht Zweifel und Widersprüche, nimmt ihnen aber die Schärfe und kann mit ihnen umgehen.

Im Wort Vertrauen steckt „zu trauen” (Selbstbewusstsein) und „zutraulich” (Distanz überwinden, sich einlassen) – trotz „sicheren Unsicherheiten” und Problemen. Dazu hilft die Ahnung, dass Leben mehr ist, als nur Team, Unternehmen, und Beziehung. Und oft macht es erst diese Einstellung möglich, sich ganz auf das Team, das Unternehmen und die Beziehung einlassen. Dann kann man/frau etwas geben. Und so sind wir am Ende – von der Angst ausgehend – bei der Liebe gelandet.

Letzter Schlenker: Auch das gehört zu vielen guten Geschichten – das Happy End. Es muss nicht einmal kitschig sein.

   
   
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